[Lesen] Ansichten einer jungen Ärztin zur menschlichen Wärme

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Folgender Beitrag von mir erschien am 01. Oktober 2013 in der jezza!, das Regionalmagazin für Ammersee, Amper und Lech:

Die Zukunft der Medizin liegt über dem Tellerrand – Ansichten einer jungen Ärztin zur menschlichen Wärme

Nach dem Medizinstudium begann ich hoch motiviert die Arbeit als Ärztin in der Klinik. Doch schon bald merkte ich, dass es meine Vorstellungen einer „menschlichen Medizin“ dort sehr schwer haben würden.
Während meiner täglichen Arbeit erfuhr ich, dass im Krankenhaus oft nicht die kranken Menschen, sondern die Krankheiten behandelt werden. Es findet Symptombekämpfung auf rein körperlicher Ebene statt. Überspitzt formuliert: Ärzte analysieren die Symptome mit Hilfe von Zahlen (z. B. Laborwerten) und technischen Geräten (z. B. bildgebenden Verfahren) und verabreichen daraufhin ein entsprechendes Medikament. Der seelische und geistige Zustand der Patienten wird kaum beachtet. Hinter dem Rücken der Patienten kann sich diese Haltung unter den Ärzten dann in Form von Zynismus äußern.
Darüber hinaus trug die zunehmende Bürokratisierung im Medizinwesen zu meiner Frustration bei. Als Arzt verbringt man heutzutage den Großteil seiner Arbeitszeit mit Tätigkeiten wie Dokumentation und anderen nicht-ärztlichen Aufgaben. In der Folge haben Ärzte weniger Zeit für ihre Patienten.

Ein Blick über den schulmedizinischen Tellerrand lässt erkennen, was im derzeitigen Gesundheitswesen fehlt: das „Herz“ – menschliche Wärme. Ein Patient wird häufig aber nur ganz gesund, wenn neben der Behandlung seiner körperlichen Beschwerden auch darauf geachtet wird, dass er sich seelisch und geistig wohl fühlt. Demzufolge sollte auch viel mehr Wert auf „sprechende Medizin“ und Einfühlungsvermögen in die Situation des Patienten gelegt werden. In der sogenannten „ganzheitlichen“ Medizin ist genau das der Fall. Dort werden Körper, Seele und Geist gleichermaßen beachtet.
Die menschliche Wärme fehlt auch im wahrsten Sinne des Wortes bei der Therapie. „Behandlung“ beinhaltet nicht umsonst den Wortstamm „Hand“. Auf die körperliche Untersuchung wird in der Medizinerausbildung kaum noch Wert gelegt. Wenn ein Patient überhaupt angefasst wird, dann meist mit Handschuhen, indirekt über das Stethoskop oder andere medizinische Geräte. Patienten wollen jedoch berührt werden.
Nicht nur die ganzheitliche Betrachtung des Patienten ist enorm wichtig für die Heilung. Auch der Arzt muss ganzheitlich arbeiten, also mit seinem Körper (Berührung des Patienten), seiner Seele (Einfühlungsvermögen) und seinem Geist (naturwissenschaftliches Fachwissen).

Aus dieser Erfahrung heraus ist es mir ein großes Anliegen, wieder mehr Wärme, mehr Menschlichkeit in die Medizin zu bringen. Deswegen betreibe ich seit 2011 die Internetseite Tellerrandmedizin (www.tellerrandmedizin.org) – „Ein Blog mit Blick über den (schul)medizinischen Tellerrand für Medizin mit Herz“. Dort poste ich für Fachpersonal und Laien Informationen über Veranstaltungen, Organisationen, Bücher, Zeitungsartikel etc. rund um das Thema menschliche Medizin.
Bei der Initiative Medizin und Menschlichkeit e.V. (MuM, www.medizinundmenschlichkeit.de) engagiere ich mich mit Gleichgesinnten für die Verbreitung unserer Werte und Visionen. MuM wurde 2009 von jungen Ärzten und Medizinern in München gegründet. Ziel des Vereins ist es „wieder eine Haltung der Menschlichkeit ins Zentrum der Medizin zu stellen, in der man liebevoll, achtsam und würdig mit Patienten und miteinander umgeht“. MuM veranstaltet jeweils im Frühjahr eine Akademie und über das Jahr verteilt Workshops zu den Themen Arzt-Patienten-Kommunikation, Palliativmedizin, Spiritualität etc. Mittlerweile gibt es in mehreren deutschen Städten Regionalgruppen.
Zusammen mit MuM entstand vor Kurzem die Online-Plattform NETZWERK der Veränderung (www.tellerrandmedizin.org/netzwerk). Es dient als Anlaufstelle für Menschen in allen Gesundheitsberufen dienen, die sich für eine menschliche Medizin einsetzen und darüber austauschen wollen. Zudem können mit Hilfe eines Ortsverzeichnisses Gleichgesinnte aus der eigenen Stadt gefunden werden. Ein Kalender mit Veranstaltungstipps, Hinweise zu Filmen, Büchern, Zeitschriften u. v. m. halten die Mitglieder am Laufenden.

Haben Sie Erfahrungen mit Menschlichkeit in der Medizin? Die Autorin freut sich auf Feedback via E-Mail (jb(at)tellerrandmedizin.org) oder über das Netzwerk – die Anmeldung ist kostenlos und unverbindlich.“

> Zum Artikel in der jezza! (S. 10)

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